Quer durch Polen

Geschrieben von Ingrid Kramer-Schneider

Auf der Suche nach einer längeren Wanderfahrt 2026 stieß ich auf die Ausschreibung von Rainer Engelmann, dem ehemaligen Referenten für Wanderrudern des Ruderverbandes. Ein kurzer Anruf gab Klarheit, dass ich zumindest bei dem Stück von Warschau nach Bromberg dabei sein konnte und für die Strecke ab der polnischen Ostgrenze bei Augustow auf Platz 1 der Warteliste stand. Glücklicherweise rutschte ich da auf in den Teilnehmerkreis und es gelang mit etwas Mühe, einen Zug nach Warschau zu buchen. Für die Weiterfahrt war die Fahrkarte direkt in Polen viel günstiger als das Angebot der DB. Für mich war es überraschend, wie groß die Entfernungen in unserem Nachbarland sind: Es braucht einen ganzen Tag von Berlin nach Augustow. Im Zug traf ich bereits andere Teilnehmer der Tour, mit denen ich ein Taxi zum Hotel teilte. Der Fahrer hatte einige Zeit in Deutschland gelebt und konnte ein paar Brocken Deutsch. Mit der Idee, dort zu rudern, trafen wir auf Verwunderung.

Im Hotel saßen einige bereits beim Abendessen, der Bootstransport war ausschließlich von Rainer ab Köln mit seinem privatem Hänger durchgeführt worden. Am Samstag hieß es Boote aufriggern, drei Vierer sowie ein Dreier, jeweils gesteuert. Durch Absagen gab es keine Personen, die einen Teil des Tages Landdienst machen würden. Das Erstaunlichste für mich war, dass Rainer kein einziges Mal selbst im Boot gesessen hat und trotzdem regelmäßig Wanderfahrten organisiert.

Teil 1 begann mit einer Tagestour auf dem See bei Augustow. Drei Boote fuhren tief in einen kleinen Kanal Richtung weißrussischer Grenze ein und besichtigten den dortigen Amazonas, während das vierte Boot direkt Richtung Bier abkürzte.

Die folgenden Tage ruderten wir auf einem Kanal mit vielen Schleusen, später auf einem kleinen Fluss mit unendlich vielen Kurven und einem praktisch durchgängig mit Schilf bestandenem Ufer. Als Abwechslung gab es bei den täglichen 35°C Kühe, Vögel, die Höhlennester von Schwalben und sehr vielen Störchen. Für dieses Naturschutzgebiet musste eine Gebühr bezahlt werden, um hier zu rudern. Strömung hatten wir so gut wie keine, jeder der 45 bis 50 Tageskilometer wollte persönlich gerudert werden. Zum Glück versorgte uns Rainer in der meist sehr späten Mittagspause mit Radler, Bier, Teilchen und Obst, dennoch waren die meisten über ein Räuberbrot vom Frühstücksbuffet dankbar.

Als es den zweiten Tag auf dem Fluss Narew ging, hatte Rainer eine Überraschung bereit. Eine Stelle, die er auf Google Maps nicht näher einsehen konnte und sich auf dem Betriebsgelände eines Kraftwerks befand. Es war schon 18 Uhr, als es hieß: keine Weiterfahrt. Jürgen im ersten Boot erkundete die Lage: Beidseitig klare Beschilderung, Durchfahrt verboten. Umtragen? Fehlanzeige, wegen Schilfsumpf. Nach längerer Diskussion legten schließlich alle Boote an – Abbruch der Etappe. Nach einem kurzen Stück zu Fuß kam Rainer mit dem Bus und lud die erste Fuhre zum Hotel ein. Die letzte Fuhre zog sich für Rainer bis nach 22 Uhr hin, weil sich ein Ruderer einfach von der Gruppe entfernt hatte und umständlich via Standort-Teilen mit dem letzten Rest seines Akkus gesucht werden musste. Das Bier für Rainer am nächsten Tag war gesichert…

Am nächsten Morgen wurde ein Teil der Truppe zu den Booten gebracht – abriggern und aufladen. Glücklicherweise bekam Rainer von den Werkschützern die Erlaubnis, bis zum Ufer zu fahren, was noch von einer bewaffneten Patrouille kontrolliert wurde. Der Plan war, die Boote zum Ende der Vortagesetappe zu bringen und dort einzusetzen. Als alle Boote dort geriggert waren und das erste eingesetzt werden sollte, kamen Bedenken: Wassertiefe im Hafen 10 cm, schlammiger Boden. Kurz, alle Boote wurden wieder abgeriggert, verladen und zum Ende der nächsten Etappe gebracht. Ein Teil der Ruderer fuhr mit dem Taxi, andere joggten. Wir bekamen dann wirklich Übung im Boote riggern, weil noch vor dem Abendessen wieder aufgeriggert wurde.

In Warschau konnten wir die Boote auf dem Gelände des Rudervereins lagern. Es war traurig anzusehen, dass die meisten deren Boote ausschließlich im Freien gelagert wurden, darunter die teuren gelben Rennboote.

Zwei Tage Sightseeing in Warschau brachten Einblicke in das reiche kulturelle Leben der Hauptstadt. Zeitgleich fand der Weltkongress der Zeugen Jehovas dort statt. Überall Gruppen davon und Sonderöffnungszeiten der Sehenswürdigkeiten, leider ausschließlich für die Kongressteilnehmer. Ein Teil der Ruderer von Polen 1 verließ die Runde, neue kamen hinzu.

Fotos: Ingrid Kramer-Schneider, Walter Linz, Gisela Witt, Birgit Schlabitz

Der erste Tag von Polen 2 führte durch eine Schleuse, deren Unterwasser direkt in die Weichsel mündete. Dort war es so flach, dass einige der Boote mit etwas kräftigeren Ruderern getreidelt werden mussten. Die Weichsel hatte ausgesprochen wenig Wasser und der Steuermann musste seinen Kurs sehr sorgfältig zwischen Sandbänken und unvermittelt auftauchenden Steinen wählen. Dazu hatte das Wetter umgeschlagen und es war unter 20 °C sowie permanent Gegenwind. Die erste Etappe wurde nach 42 km abgebrochen, weil es bereits 18 Uhr war und noch 10 km angestanden hätten. Wir wurden wieder in Gruppen zum Hotel geshuttelt, dieses Mal ein Landschloss, auf dem sonst Hochzeiten gefeiert werden. Bis alle an der Tafel mit dem weißen Tischtuch und Stoffservietten ihr Essen hatten war es 21:30 Uhr. Am nächsten Tag dann die Frage nach den anstehenden Kilometern: es war von 69 km die Rede, praktisch waren es 73,5 km, natürlich mit Gegenwind. Als wir anlegten, war es bereits 20 Uhr.

Am nächsten Tag kamen wir dennoch bereits um 9 Uhr los, dieses Mal auf der gestauten Weichsel. Strömung Fehlanzeige, dafür der unvermeidliche Gegenwind. Die Bootsgeschwindigkeit betrug teilweise 4 km/h, bei einer Pause trieben wir mit 2,7 km/h zurück. Das Feld der Boote zog sich auseinander. Es hieß, dass die Mittagspause ausfällt. Zum Glück hatten alle ein Räuberbrot dabei. An der Schleuse 4 km vor dem Etappenziel um 18 Uhr angekommen, hieß es, dass ein Boot bereits am Etappenziel sei. Zum Glück wurden die beiden anderen Vierer noch geschleust, obwohl es ursprünglich hieß: letzte Schleusung 14 Uhr. Im Unterwasser war dann aber Schluss, weil das Wasserkraftwerk für die letzten Meter kein Wasser mehr abgab und somit das Risiko für die Boote zu groß war. Der Dreier hing eine Stunde zurück und wurde nicht mehr geschleust. Wieder gab es Busshuttle. Als alle etwas zu essen hatten, war es wieder halb zehn.

Am nächsten Morgen beim Frühstück dann die frohe Botschaft des Fahrtenleiters: Der Dreier wird direkt aufgeladen, die Vierer am Ruderclub und die Tagesetappe nach Torun fällt aus. Alle waren über diese Entscheidung mehr als froh, weil wieder ein langer Tag gedroht hätte. Nach getaner Arbeit fuhr ein Teil der Truppe mit dem Zug nach Torun – welch ein Glück, dass die anderen in der Zwischenzeit bereits die Boote wieder ruderbereit gemacht hatten. So konnte die historische Altstadt in Ruhe besichtigt werden und alle kamen wieder zu Kräften.

Am Sonntag dann schließlich die letzte Etappe nach Bromberg. Wir lagen gut in der Zeit, konnten recht bequem den Mäandern des Flussbetts folgen, die gut markiert waren. In der Mittagspause dann die schlechte Nachricht: Die Schleuse ist wegen Niedrigwasser außer Betrieb. Der Fahrtenleiter wies uns an, an der Steinböschung anzulegen und die Boote dort rauszunehmen. Es folgte eine abenteuerliche Kette von 19 Leuten, die jedes einzelne Boot durchreichten, dann nach vorne kletterten und weiter durchreichten…..

In Bromberg angekommen, legten die Boote am Kanuclub an. Es gab noch ein Gruppenfoto, und alle strömten zum Hotel. Dort die Botschaft: Der Abschlussabend fällt aus, weil das Restaurant bereits früh schließt. So verlief sich alles. Einige verließen Bromberg bereits mitten in der Nacht. Die Übergabe des Geschenks für den Fahrtenleiter fand am nächsten Morgen beim Frühstück in ganz kleiner Besetzung statt.

Ich trat danach die Heimreise mit dem Zug an, nachdem ich das Angebot von Rainer, für Polen 3 zu bleiben, ablehnen musste. Nach rund 500 Ruderkilometern stand mir der Sinn dann doch nach Ausruhen. In Mannheim angekommen, fuhr der Anschlusszug dank der üblichen Verspätung vor der Nase weg. Die Fahrgastentschädigung von 50 % des Reisepreises von der Hinfahrt hatte ich da bereits auf dem Konto.

Nach oben scrollen